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Readers Edition

2013, 1


Online Version des Artikels:
http://www.readers-edition.de/2013/01/30/der-unterschied-zwischen-kopfsprung-und-angst/
Jamal Tuschick

Brandkatastrophe in Brasilien, französische Einheiten rückten auf Timbuktu vor – und auf der Bühne des Theaterdiscounter im ehemaligen Fernmeldeamt (Berlin-Ost) trägt der große Schmerz ein rotes Ballkleid. Er hört auf den Namen Gina. Mit einer Konfetti-Kanone schießt Gina auf die Kapitalismuskritik, die jedem anderen entgeht. Da sie nur in der Vorstellung existiert. Sozusagen im Kopf des Schmerzes.
Der große Schmerz ist eine Glamour-Partie in der Gestalt von Gina-Lisa Maiwald. Eine Glamour-Partie mit Sorgen. Sie will partout keine Rolle spielen in noch einem „durchökonomisierten Projekt“ oder in noch so einem „Kunstkram-Dschungelcamp“. – Und fürchtet doch, in dergleichen bereits hineingeraten zu sein – da es womöglich gar nichts anderes mehr gibt als post-dramatische Kunstkunstironie.
„Angina mit acht. Streptokokken setzen sich auf Herzklappen, die Diagnose lautet Endocarditis“, las ich eben in der Biografie einer Tapferen aus der Ära vor Penicillin. Nun heißt es: „Melancholie, Müßiggang, Musik: ich lass mir einfach ein M tätowieren“ – ein Leben, in dem alles mit M anfängt, wenn sonst schon nichts geht. Wenn es auch tausend Möglichkeiten gibt, „nichts als „okay“ zu sagen“.
Zwischen Ennui und Ausschlafen (als subversiver Akt) spielt sich der große Schmerz auf und ab. Das sind die Frontalansichten der Inszenierung, das was Effekt macht. Die Schauspieler spielen mit ihren Klarnamen, das Publikum schiebt sich bis auf den Bühnenboden vor. Als könnte es jederzeit einsteigen. So sieht das Publikum exakt aus. Kein Mann ohne Post-Pudelmütze. Die Freiwillige Selbstkontrolle rät bis 35 (höchstens). Jederzeit könnte die Party beginnen, die für später erst angekündigt ist. „Und dann komm ich mit meiner Pubs-Aufklärung“, sagt Hanna (Eichel) oder sagt das Juliane (Bartsch) in härtester Vollausleuchtung. Dominik (Meder) sagt jedenfalls: „Lasst uns alle beleidigen und erst dann gehen, wenn alle sauer sind“.
Dominik bietet ein „Häppchen“ seines „kritischen Bewusstseins“ an. Er ist auch Superman in der Strampelhose, er kennt den Unterschied zwischen Kopfsprung und Angst. Als blauer Lurch klebt er sich an die Wand.
Man ahnt ein bisschen Caligula und Hamlet, die alten Gespenster des Theaters wirken als Schemen im Kunstnebel mit: in einer flüchtig skizzierten Waterworld. – In der alle „dem Kannibalismus der Einfühlung“ (Heiner Müller) erliegen.  Jemand will wissen, „wo die Umarmung bleibt, die auch nicht weiß, wie es geht … in der notorischen Kreativ-Wirtschaft mit ihren „diffusen Zwängen“. In Einspielungen sieht man eine Art Christenheit stumm gefilmt. In diesem Theorie-Theater erscheinen Hanna, Juliane, Gina und Dominik so ratlos wie FDP-Wähler. Don´t worry be happy – der von Schlösser attackierte Abbild-Realismus war schon für Kleist ein Problem.

Online Version des Artikels:
http://www.readers-edition.de/2013/01/30/der-unterschied-zwischen-kopfsprung-und-angst/

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