NZZ

2014, 2

Link zur Onlineausgabe: http://www.nzz.ch/aktuell/zuerich/zuercher_kultur/mit-prosecco-zufriedengestellt-1.18240434

Katja Baigger ⋅ Der zugezogene Theatervorhang ist die materialisierte Erwartung. Er ist Projektionsfläche für das, was dahinter stecken könnte. Max Merker und Malte Schlösser, als Schauspieler und Regisseure in Bern und Berlin tätig, zeigen das weisse Stück Stoff vor ihrer Performance «Authentizitätsprothesen: Jetzt aber echt!» daher etwas länger. Sie philosophieren über seine Funktion, die Bühne vom Zuschauerraum zu trennen, sowie über Authentizität, die nicht nur im Theater ein praktisch unerreichbares Ziel darstellt.
Verantwortung und Ironie
Zum Spiel braucht es «Prothesen», ganz banal etwa Perücken, wie Max Merker eine aufsetzt. Die beiden möchten diesen Bedingungen ein Schnippchen schlagen, sie wollen hinstehen und dahinterstehen, Verantwortung übernehmen. Dabei wenden sie mit Ironie auf das Theater an, was Papst Franziskus in einer Botschaft an die Top-Manager und Spitzenpolitiker am WEF richtete: Sie hätten eine «klare Verantwortung gegenüber anderen, vor allem denjenigen, die am schwächsten sind». Schauspieler etwa, finden Merker und Schlösser augenzwinkernd, delegierten die Verantwortung für das, was sie sagten, an den Autor und für das, was sie täten, an den Regisseur. Damit soll aufgeräumt werden. Die beiden sind ab sofort Schauspieler, Autor, Regisseur in Personalunion. Der Vorhang wird aufgezogen, zwei Ballon-Fische, ein Hai und ein Nemo-ähnlicher Clownfisch, schwimmen in einem «Aquarium». Fische sind eben stets authentisch.
So wollen die beiden werden. Sie ziehen Bärenkostüme über, testen pantomimisch diverse Versuchsanordnungen aus, machen Sprachakrobatik, deren Versprecher bisweilen unter die Gürtellinie zielen – das Publikum lacht Tränen. Dabei stehlen sie sich immer mehr aus der Verantwortung, verstecken sich hinter Hasenköpfen aus Karton, ziehen den Vorhang wieder zu. Auf einer Videoprojektion wird das Treiben dahinter ersichtlich. Merker zieht sich Rüebli knabbernd in den «Tempel der Plausibilität zurück», während sein Kollege Schlösser unter Palmen die Liebkosungen von Plastic-Flamingos geniesst.
Echtheit? Kaum
Ist das jetzt die herbeigesehnte Echtheit? Kaum. «Was wir tun können, ist freundlich sein», erscheint auf einem Karton-Transparent als ernüchterndes Fazit. Die demonstrativ an der Authentizität Gescheiterten schieben verschämt ein Tischlein mit gefüllten Prosecco-Gläsern vor den Vorhang. Die Theatermacher wollen das Publikum nach den witzigen, aber auch inkohärenten 90 Minuten offenbar zufriedenstellen – ganz, wie Manager und Politiker bisweilen von ihren krummen Geschäften abzulenken verstehen.

Zürich, Fabriktheater, 8. Februar. Weitere Vorstellungen: 11., 13. bis 15. Februar, jeweils 20 Uhr.

Guest •
Ich bin einer von jenen, die Tränen gelacht haben. An mehreren Stellen. Was ich nicht verstehe ist, wie jemand ernsthaft hoffen kann, in einer Stunde Theater 'Wahrheit' oder 'Echtheit' vermittelt zu bekommen..?! Natürlich ist es künstlich! Natürlich scheitert's! Aber gerade darin gibt es soviel zu erleben: berührendes, konfrontierendes, bitteres, gemeines. Der Abend bietet das ganze Spektrum. Hervorragend gemacht! Gute Dramaturgie, brilliantes Schauspiel, perfektes Timing in der Komik, philosophisch in der Ausweglosigkeit. Eine erfüllende Theatererfahrung.

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