Kulturkritik

Kultur Extra

2017, 10

Das hehre Lied des Widerspruchs und der Uneindeutigkeit

(für MIR IST ALLES VIEL ZU LAUT UND ALLES VIEL ZU LEISE)

Autor und Regisseur Malte Schlösser ist bekannt für seine selbstreflexiven Theatertexte, die einen immer irgendwie an René Pollesch erinnern. Diese Abende heißen dann Zeig doch mal positiv, wie Du mit Schmerz umgehst oder Es ist nicht deine Schuld, dass das Leben nicht gelingt. Das sind im besten Falle therapeutische Lebenshilfen für den modernen, von der realen Welt gestressten Menschen. Schlösser ist im Hauptberuf studierter Philosoph und Dozent für Psychotherapie. Allerdings fehlt dem Ganzen das diskursive Element, auch wenn der Text meist auf mehrere DarstellerInnen aufgeteilt ist. Und so kommt einem auch Schlössers neues Stück Mir ist alles viel zu laut und alles viel zu leise, das gestern Abend im Berliner THEATERDISCOUNTER Premiere feierte, wie ein einziger, langer Monolog vor. Eine philosophische Rede auf den Widerspruch, der sich schon im Titel des Stücks manifestiert. Man könnte den Text aber auch chorisch vortragen. Irgendwie leidet ja auch die ganze Welt am Eindeutigkeitssyndrom. Und so klagt das geplagte Individuum in Gestalt von Schauspielerin Judith Rosmair als Projektion auf einer Videoleinwand auch über Angstzustände, aufgegessenes Apfelmus und die Form der Reflexion ihrer Rolle als Vergessen und Überschreiben des Gedächtnisses. „Was haben meine Erinnerungen für ein Verständnis von mir selbst?“ „Meine Erinnerungen verstehen mich einfach gar nicht.“ Das Verschwinden in der inneren Mimese. Ein schöner Einstieg zum ewigen Drinnen-Draußen-Problem. Wir blenden innerlich aus, was in Form von Krisen an uns herangetragen wird. Wir hassen Unübersichtlichkeit und Uneindeutigkeit, weil sie uns orientierungslos machen. „Alles ist okay.“ Dabei benötigen wir gerade die Krise zur reflexiven Selbstbefragung. Also, hallo, was ist denn nun da draußen los? Auf diese Frage gibt Malte Schlösser allerdings auch keine eindeutige Antwort. „Ihr seht aus wie die Projektion aller verleugneten Anteile meiner Persönlichkeit.“, sagt eines der drei Kinder (Manuel Garelli, Isabelle Laura Pana und Polly Schwalm-Unbehaun), die Schlössers Text nun vor dem Publikum weiterspinnen und dabei ihre Stimmen mal lauter oder leiser dimmen. Die Lautstärke wird hier zur Intensitätsanzeige der Bedeutung. „Hashtag: Überforderung“ und ganz wie bei Pollesch immer „Drama Baby“. Aber bitte nicht persönlich werden. „Wer unpersönlich schreit hat Recht.“ Der Versuch der drei mittels Text-Beballerung beim Publikum durch Reizüberflutung die individuelle Krise zu provozieren, wird immer wieder durch choreografierte Zwischenspiele zweier Tänzerinnen (Nefertiti Elong Ku und Kora Hamm) gebrochen, die sich zum live von Christoph Mäcki Hamann eingespielten Technosound synchron bewegen oder gar wie sufistische Derwische im Kreis drehen. Das mystische Verwischen des Egos in tänzerischer Leichtigkeit. So schwankt der Abend ironisch zwischen Zweifel und Selbstbespiegelung, Realitätsverlust und Realitätskonstruktion hin und her. Dass sich das Medium Theater hier auch selbst spiegelt, ist fast schon obligatorisch. Irgendwann taucht auch noch der Ex-Volksbühnenschauspieler Lars Rudolph auf einem Pferd in den Weiten brandenburgischer Landschaften auf, bläst die Fanfare der Unschärfe und philosophiert über Tautologien und das Identitäts-Paradigma. Das Dozieren vor leeren Rängen wird zum Schreien in den Straßenlärm hinein. Wir ballern unsere Maßstäbe und Projektionen auf andere, aus Angst, dass uns die Autorität unseres Selbst entzogen wird. Da müsste mal jemand scharf stellen. Oder lieber doch nicht. Stefan Bock - 8. September 2017

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