Coolibri

2012, 6

Von Büchner bis Pollesch – Vier Tage Theater beim megaFon-Festival
Von Chantal Stauder

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http://www.coolibri.de/blogs/blogbird/2011/06/06/von-buchner-bis-pollesch-%E2%80%93-vier-tage-theater-beim-megafon-festival/


Auszug:

„Ich bin Drama“ – Malte Schlösser sorgte mit seiner Inszenierung für Zündstoff auf dem diesjährigen Bochumer Theaterfestival megaFon. Einmal im Jahr vergessen die Studierenden der Ruhr-Universität den täglichen Scheinerwerb und machen sich stattdessen daran, das megaFon-Festival zu organisieren. Egal, ob Musikperformances, Installationen oder Tanztheater. Vier Tage brachten sie ein vielfältiges Programm in die Innenstadt Bochums. Anders war in diesem Jahr allerdings, dass die Inszenierungen in Räumen stattfinden sollten, die eigentlich keine Theaterräume sind. Das Team musste diese Orte für die verschiedensten Projekte der Künstler aus Deutschland, Österreich und Riga bespielbar machen. Aber auch die Künstler legten ihren Fokus auf die Auseinandersetzung mit dem Raum und sorgten beim Festival für kreative Vielfalt. Einer der für besonders angeregte Diskussionen sorgte war der Regisseur Malte Schlösser („Kann ich deinen Diskurs mal in den Mund nehmen?“). Im Interview erklärt Schlösser, was Theorie im Theater leisten kann und erzählt, warum man René Pollesch kreuzigen muss, um ihn zu gewinnen.
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„Kann ich deinen Diskurs mal in den Mund nehmen?“
Der letzte Festivaltag sorgte für reichlich Diskussionsstoff. Auch das anschließende Publikumsgespräch geriet spitzfindig und wenig zimperlich. Denn mit seinem Beitrag setzte sich Malte Schlösser gravierend vom bisher Gezeigten ab. Schon der Titel der Inszenierung „Kann ich deinen Diskurs mal in den Mund nehmen“ entpuppte sich als treffender Vorgeschmack auf das Machwerk des Berliners. So ein Diskurs liegt immerhin nicht als fassbare Einheit auf der Straße. In der Art, wie sich Menschen ihr Sein zu denken geben, lässt er sich aber durchaus vorfinden. Und Schlösser greift sich, was er kriegen kann, formt ironische Brüche und verliert bei all dem nie die Relevanz und Ernsthaftigkeit seiner Fragen aus dem Blick.
„Du Reclam-Heft, du!“
Sofern sich sagen lässt, dass René Pollesch für Diskurstheater und Schlingensief für konkrete Handlungsansätze stehen, kann Schlössers Inszenierung als konkrete Weiterentwicklung dieser beiden Großmeister des deutschsprachigen Theaters verstanden werden. Er verweilt nicht bei einer schlichten Kopie, sondern unternimmt den Versuch, im Outfit der Vordenker das Eigene zu entwickeln, um es im Allgemeinen unterzubringen. Nicht nur der Stil des Textes und die Arbeitsweise durchschritten mannigfaltige Gedankendimensionen und verschiedenste Themenebenen. Auch die dargebotenen Bilder und der vorrangig theoretische Ansatz der Inszenierung stachen aus dem Gros der bisherigen Inszenierungen des Festivalprogramms heraus.
Es war aber nicht zuletzt die hervorragende schauspielerische Leistung des Mimen-Teams (Bastian Sierich, Lisa Diringer, Simone Jaeger und Vera Molitor), die unverkennbar den Eindruck erzeugte, dass die Crew erheblich an der Grenze zur Professionalität kratzt. Schlösser schoss ein wahres Gedankenfeuerwerk ab und berührte sowohl aktuelle Lebensfragen als auch universell-menschliche Probleme. Dieser junge Regisseur produzierte originelle und wirkungsvolle Bilder, erarbeitete stimmige Rhythmen und verlor sich dabei nicht im Klamauk. Das Schauspiel strotzte vor gut platzierten Brüchen und erzeugte den nötigen Flow für das zugrunde liegende Theoriekonzept. Die Schauspieler entwickelten eine mitreißende Spielfreude, bewiesen ein Gespür für Timing und überzeugten durch ungeheure Präsenz.
Das Ende der Erlösungsphantasie
Schlösser enttarnte die alltäglichen Täuschungsstrategien, räumte Raum ein für die spezifischen Probleme prekarisierten Lebens und verweilte dabei nicht in der Pose lethargischer Betroffenheit. Er legt den Finger in die Wunden, die er findet und verzichtet darauf, den Problemen mit Heilsversprechen beizukommen. Er nimmt Bezug auf das allgegenwärtige Ensemble der Erlösungsphantasien und demontiert diese, bis er die nackten Bedingungen des menschlichen Daseins freigelegt hat. Am Ende liegt auch der riesige hölzerne Schriftzug „Semiokapitalismus“ frei. Das Bühnenbild von York Landgraf zeigt, die Ökonomie der Zeichen versteckt sich hinter den vordergründigen Verschleierungen und ist einfach nicht weg zu kriegen.
„Scheiße bin ich verfügbar“
Nicht nur das Theater, wir alle sind Patienten und mit seiner Inszenierung führte Schlösser eine OP am offenen Herzen durch, die nicht rettet, aber vielleicht lebensnotwendig ist. Er schenkte seinem Publikum surreale Momente und setzte Angebote statt Anweisungen. Inhaltlich bewegte er sich dabei in den Zwischenräumen der großen existenziellen Fragen und stellte nebenbei die Lebensstrategien von Kunst- und Kulturschaffenden in Frage. Immer wieder lautete die Losung des Abends: Nieder mit dem Surrogat im Kreativ-Camp des Lebens. Immer wieder gibt es Verweise auf Doku-Theater. Dabei sind sowohl die „Gesten zweckvoller Härte“ als auch „Nazi-Kalkulier-Vernunft“ Gegenstand der Kritik. Die Inszenierung zeigte dabei anschaulich, was passiert, wenn das symbolische Kapital zum herrschenden Prinzip von Abgrenzung und Ausschluss wird. Der Text bewegte sich auf einem äußerst komplexen Sprachniveau, so dass angesichts des Sprechtempos viel des semantischen Gehalts verloren ging. Der Gewinn für das Publikum wäre an dieser Stelle sicher noch um einiges größer geraten, hätte Schlösser hier ein bisschen Speed und Komplexität herausgenommen. Nur in dieser Hinsicht verpasste er es, auch die eigene Herangehensweise ironisch zu brechen.
„Man muss Pollesch kreuzigen, um ihn zu gewinnen.“
Sowohl Text als auch Regie des Stücks „Kann ich deinen Diskurs mal in den Mund nehmen?“ gehen auf Schlössers Konto. Er arbeitete u.a.als Regie-Assistent bei Christoph Schlingensief und Frank Castorf an der Volksbühne Berlin. Mit seinem Stück orientierte er sich unverkennbar an den Arbeiten von René Pollesch, löste sich jedoch auf eigene Weise von seinem Vorbild und lieferte damit die wohl spannendste Inszenierung des gesamten Festivals.

Interview
Warum habt ihr euch mit eurer Inszenierung beim Megafon-Festival beworben? Gab es einen bestimmten Grund?
Malte Schlösser: Nein. Wir haben von der Ausschreibung gehört und uns wie viele andere beworben. Wir wollen in erster Linie, dass die Leute das sehen. Also Aufmerksamkeit. Auch ökonomische. Wir haben aber auch Spaß an und Lust auf Festivals und das ganze Drumherum. Diskussionen, Interviews und so weiter.
Wie viele Stücke hast du denn bisher inszeniert?
Vier. Bei den letzten beiden habe ich den Text selbst geschrieben. Beim ersten haben wir einen Text von Julia Franck genommen. Beim zweiten Schnipsel von Michel Houellebecq und Albert Camus. Da habe ich die Sätze herausgenommen, die ich für relevant hielt. Heute läuft`s ähnlich. Viel lese ich mir an und führe das dann aus und weiter. Das aktuelle Stück „Kann ich deinen Diskurs mal in den Mund nehmen?“ wird jetzt beim megaFon-Festival zum dritten Mal gezeigt.
Gibt es bei dir Wünsche für eine potentielle Zusammenarbeit?
Natürlich würde ich gerne mal an bestimmten größeren Theatern arbeiten. Es ist dabei aber immer spannend, sich nicht nur auf die Professionalität zu stützen. Von beiden Seiten kann man da viel lernen.
Wie groß ist eure Crew?
Eigentlich sind wir zu siebt, streng zu neunt. Dieses Mal sind wir allerdings ohne Bühnenbildner angereist.
Ihr bekommt alle kein Geld für das, was ihr macht?
Erst einmal nicht wirklich, nein. Das ist ein heikles Thema. Der Glaube daran, weiter zu machen ist gewissermaßen mit einem Versprechen verbunden, das nicht eingelöst wird, weil es davon lebt, dass es sich nicht einlöst.
Kennt ihr Leute, bei denen dieses Versprechen eingelöst wurde?
Kaum. Vielleicht ein Fünftel. So ist das meistens in solchen Berufen. Berlin ist da auch Vorreiter was die Prekarisierung betrifft. Natürlich auch kulturpolitisch.
Auf welchen Werdegang blickst du zurück?
Ich habe Philosophie studiert. Aber auch Soziologie und Religionswissenschaft und bin dann irgendwann ans Theater gekommen.
Aber du hast zusätzlich noch eine therapeutische Ausbildungsrichtung eingeschlagen?
Ja, parallel. Das Studium war mir einfach zu elfenbeinturmmäßig. Die akademische Laufbahn, das System Philosophie zu abgekapselt. Unsinnlich. Da ist die therapeutische Schiene schon eine lebenspraktischere Alternative. Auch finanziell. Es ist sicherlich auch ein gefragter Beruf, weil sich hier leichter Geld verdienen lässt.
Was bedeuten dir Theater und Therapie jeweils?
Theater und Therapie sind für mich symbolische Räume, die letztlich etwas Reales kreieren. Theater mehr gesellschaftlich und Therapie auf einer individuelleren Ebene. Für mich ist auch eine wichtige Frage, wie sich beide ergänzen. Beide sind provokant, intensiv, idealistisch, ungewohnt und sensibel. Man kann mit ihnen morden, seinen Vater (also ungeliebte Traditionen) umbringen. Zwar nur symbolisch, aber es hat dennoch reale Auswirkungen auf das Leben.
Wie bist du dann letztlich zum Theater gekommen?
Über lauter Zufälle. Auch dass ich irgendwann bei Schlingensief gelandet bin. Ich weiß nicht, ob das jetzt so interessant ist.
Unbedingt.
Nach dem Studium bin ich zum Hebbel-Theater gekommen. Dort war eine Assistentenstelle frei. Schon während des Studiums lernt man entsprechende Leute kennen und über die Beziehungen und Leute gelangt man dann recht schnell ans Theater. Nach zwei Produktionen bin ich dann bei Schlingensief gelandet und kam dann zur Volksbühne zu Castorf.
Du warst dann Regie-Assistent bei Christoph Schlingensief und Frank Castorf an der Volksbühne Berlin. Was sagt das über dich aus?
Erst einmal nicht so viel. Vielleicht sagt es etwas darüber aus, wofür ich mich interessiert habe. Also eher passiv. Weniger verrät es aber etwas über aktive Anteile, wie das Können etwa.
Schon der Titel deiner Inszenierung deutet eine gewisse Theorienähe an. Täuscht der Eindruck?
Nein, es ist schon sehr theorielastig und stark geprägt von René Pollesch. Weil er es war, der eine Diskurstheaterform ins Theater eingebracht hat. Er hat etwas Geniales etabliert. Ich denke, dass Theorien häufig eine sehr viel höhere Relevanz besitzen können als meinetwegen ein Shakespeare-Text. Ich schaue viel häufiger noch einmal in einem wissenschaftlichen Buch nach als in einem Roman.
Wie meinst du das?
Theorien setzen wir um in die Lebenspraxis, im alltäglichen, sinnlichen Lebenskampf. Deswegen sage ich: Pollesch muss man kreuzigen, um ihn zu gewinnen. Und das sage ich in hoher Anerkennung. Rein formal bin ich ihm dankbar, weil er es geschafft hat, Theorie ins Theater zu bringen. Und an dem Punkt knüpfe ich an. Was ich vermisse, ist: Für mein Leben muss ich wissen , wie man etwas machen kann. Wie es zum Beispiel aussehen kann, wenn jemand weint. Dabei ist es erst einmal egal, ob das authentisch ist. Ich vermisse bei Pollesch ein Stück weit eine Subjektivierungsmaßnahme, die ich greifen kann. Konkrete Handlungsanweisungen, die natürlich auch falsch sein dürfen. Angebote. Da knüpfe ich dann auch wieder an Schlingensief an. Denn die hat er stark eingebracht. Das sind Vorbilder. Daran arbeite ich mich ab. Hinweise, die es irgendwo gibt, nehme ich auf.
Immer wieder klagen Theaterkritiker über verkopftes Regie-Theater. Zurecht?
Wie gesagt, unsere Lebenspraxis ist sehr geprägt von Theorien. Medien, Bücher. Es gibt sogar eine eigene Bestsellerliste für den Sachbuchbereich. Mit Theorietheater bestätigen wir eine Lebenspraxis, die versucht, sich an Theorien zu orientieren. Es ist viel anstrengender, alte Romantexte zu lesen und auf mein Leben anzuwenden. Wenn man das Gefühl hat, dass eine Inszenierung zu verkopft ist, dann hat das meist nichts mit Theorie, sondern mit der Dramaturgie zu tun.


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