Besprechung PAF blog

2017, 6

„Konkret ist nur das Gefühl“

für "BITTE BLEIB KONKRET. WIE DAS GEHT, WEIß ICH AUCH NICHT SO GENAU. (Gerechtigkeit ist asozial)"

Konkret ist nur das Gefühl

Laute Popmusik. Eine rotierende Lichtanlage. Party. Die große Linoleumfläche im Theaterdiscounter allerdings bleibt weitestgehend frei. Nur eine kleine Gestalt auf Rollschuhen fährt unermüdlich vom hinteren zum vorderen Bühnenrand. Die Arme ausgebreitet. Ein Breites Grinsen im Gesicht. Das Licht geht an. Die Frau bleibt vorne stehen und beginnt zu reden. Nach und nach verschwindet das Grinsen aus ihrem Gesicht und weicht der Verzweiflung, der Wut, der Verwirrung.


von Talea Scholz

Die Frau auf Rollschuhen ist Marie Gramss. Sie ist die einzige Darstellerin in Malte Schlössers  Einpersonenstück „Bitte bleib konkret. Wie das geht, weiß ich auch nicht so genau. Gerechtigkeit ist asozial“. Konkret bleibt das Stück nicht gerade. Unendlich viele Fremdworte werden zu komplizierten Satzgebilden aneinandergereiht, um abstrakte Gefühlszustände zu beschreiben. Einsamkeit. Angst. Sogar die Liebe. Die ganz großen Gefühle. Ein künstlich-intellektualisiertes Brainstorming über die Probleme des Menschseins.

Trotz ihrer Rollschuhe steht Marie Gramms die meiste Zeit vor dem Publikum und hält ihren Monolog. Der ist inhaltlich extrem dicht. Gedanken und Modelle prasseln dichtgefolgt auf die Zuschauer*innen nieder. Sich durch das Geflecht von Fremdwörtern und Nebensätzen eine Bresche zum Sinn zu schlagen ist anstrengend. Hat man eines dieser Konstrukte dann entknotet, muss man feststellen, dass es doch eigentlich ein schrecklicher Allgemeinplatz ist. Alles andere als konkret. 

Dass das Stück dennoch nicht langweilig oder belanglos wird, ist vor allem Marie Gramss zu verdanken. Sie gibt dem Vortrag einen neurotischen Ton. Füllt die intellektuelle Hülle mit Gefühl. Durch ihre Verzweiflung, ihren Frust, aber auch ihre Hilflosigkeit bekommt der Text ein übergeordnetes Thema. Der Inhalt des Monologs ist nicht die Essenz dieses Stückes. Das interessante sind die Gefühle. Der Versuch, der inneren Verwirrung durch abstrakte Überlegungen Herr zu werden. Das Bedürfnis nach der Allgemeinlösung. 

Die soll dann aber bitte auch konkret bleiben. Die alten Probleme einer komplexen Welt. Marie Gramss spielt sie so schön! Wenn sie das Publikum anschreit, man möge ihre Welt kaputtmachen. Zu ihr durchdringen. Ihr Zusammenbrechen, wenn im nächsten Satz klar wird, dass jeder Versuch scheitern muss. Es ist nicht wichtig, jeden Satz zu verstehen – wenn man Marie Gramss zusieht, weiß man, worum es geht. Denn das Gefühl ist konkret.


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