STAGE & SCREEN

Sascha Krieger / STAGE & SCREEN

2017, 9

„Bedeutungen interessieren mich nicht mehr“

Malte Schlösser ist Psychotherapeut. Und Theatermacher. Er hat bei Castorf und Schlingensief assistiert. Dabei mag er dabei auch über die Arbeiten von René Pollesch gestolpert sein. Damit ist sein Theater eigentlich schon umrissen. Überforderung, Projektionen, Diskurs, viel Metatheater und noch mehr Ringen mit dem, was wir fälschlich Wirklichkeit nennen, ein Verhältnis zu Darstellung und Narration, das, nun ja, nicht ganz traditionell ist. All das ist in Mir ist alles viel zu laut und alles viel zu leise verquirlt, hakt sich in einander, kämpft miteinander um die Vorherrschaft im Sinne einer Deutungshoheit, die keine Bedeutungshoheit sein will. Ach ja, ein wenig Tanztheater ist auch. Muss ja ein Volksbühnenveteran heute auch im Repertoire haben. Eigentlich alles ein bisschen viel für den improvisierten Theaterraum, welcher der Theaterdiscounter ist. Aber Überforderung hat Schlösser bei Castorf gelernt – und zeigt sich hier als ihr Analytiker wie Meister. Denn um Überforderung geht es – irgendwie auch wahrscheinlich auch unter anderem – und selbige produziert der Abend. Dessen Zielscheibe der Eindeutigkeitswahn einer Zeit ist, in der eben nichts mehr eindeutig ist. Daran kann man verzweifeln. Wie Judith Rosmair und Lars Rudolph (letzterer natürlich auch ein Hardcore-Castorfianer). Sie sagen Sätze wie „Meine Erinnerung versteht mich einfach nicht“ oder „Ich muss mich doch der Autorität meiner Selbst entziehen“. Sie leiden am Anspruch, alles und vor allem jeder müsse nachvollziehbar sein, eine – natürlich authentische und konsistente – Bedeutung haben, in ein eindeutiges Narrativ passen. Nur tut das die Realität allzu gern nicht. Wenn ich mein Apfelmus liebe, esse ich es natürlich. Nur warum ist es danach weg, wo ich es doch liebe? Der erwachsene Mensch des noch immer recht frischen Millenniums ist ein an sich selbst leidender Neurotiker, der mit den Bildern kämpft, denen sie/er zu entsprechen hat, die sie/er meist sogar selbst schafft, um nachvollziehbar zu sein, „Bedeutung“ zu haben, zu vermitteln, vorzutäuschen. Und dann ist man gefangen in der eigenen Projektion. Im Wortsinn: Rosmair und Rudolph treten nur als Leinwandbilder auf, vor leeren Zuschauerrehiehen, in einem Studio, in einem Wald, auf einer Straße. Sie „ballern“, wie es Schlösser gern nennt, ihr Gegenüber mit den Bildern zu, die sie loswerden wollen und reden doch nur auf einer Leinwand mit einer solchen, noch dazu leeren. Das Draußen, das sie überfordert, ist gar nciht da. Oder sie sind es. Wer weiß das schon so genau, wenn schon das Selbstbild zum Feind wird. Auf die Bühne schaffen sie es schon gar nicht mehr. Hierhin stellt Schlösser drei Kinder, zwei Mädchen und einen Jungen, die sich durch seine Textmassen pflügen (Manuel Garelli, Isabelle Laura Pana und Polly Schwalm-Unbehaun).  Da geht es auch um das Theater als Ort unpersönlicher Wut- und Angstentladungen und das Paradox, dass gerade diese oft persönlich interpretiert und genommen werden. Dabei könne eine wahrhaft persönliche Begegnung nur entstehen, wenn man in der Lage sei, sich auch einmal ganz unpersönlich anzuschreien. Funktion, so hören wir, sei Bedeutung vorzuziehen , letztere gar der Erzfeind, weil sie Projektionen verfestigt, Bilder vorschiebt und Ichs zu schaffen, die mit Realität aber auch gar nichts mehr zu tun haben. „Bedeutungen interessieren mich nicht mehr“ ist denn auch ein oft wiederholter Schlüsselsatz des Abends. Der Ausweg ist die Krise und das Prinzip selbiger der Widerspruch, das Unklare, Unscharfe (nicht umsonst fleht der damit überforderte Rudolph immer wieder, man solle ihn scharf stellen), das nicht miteinander in Einklang zu bringende. Wie ein Zwölfjähriger, der sich über eine Zeit aufregt, in der jeder „das Innere Kind suchen“ wolle und Dinge sagt wie: „Es ist immer so schwer, Orte zu verlassen, an denen man noch nie war“. Die drei jungen Sprachrohre Schlössers sind natürlich selbst Paradoxien. Kinder, die „Erwachsenen-Texte“ sprechen, Schüler, die psychologische und sonstige Theoreme referieren und – viel wichtiger noch – ironisieren. Wenn ein Fünft- oder Sechstklässler sagt: „Hat noch irgendjemand Lust, mit mir ’ne postdramatische Ironiekritik zu teilen?“, dann ist das selbstverständlich höchst komisch. Und reißt damit gleich Berge von Selbstbildnisversuchen und Projektionskonstruktionen mit ein. Nur weas kommt danach? Was ersetzt die Bilder (die sich in Form einer Waldidylle und einer leeren Zuschauerraumspiegelung auch auf der Bühne finden)? Woher kommt der Schmerz, der die Bedeutungsbehauptung hinweg fegen soll? Denn die Reflexionen und Projektionen, die Spiegelungen und Bilder bleiben. Das zeigt auch die tänzerische Ebene, die zuweilen kurze Verschnaufpausen inmitten der Textfluten schafft. Versuchen sich Nefertiti Elong Kum und Kora Hamm zunächst noch an individuellem Ausdruck, der sehr schnell sehr gleichformig wirkt, werden ihre Choreografien später zur solchen der Imitation und Spiegelung, zum gleichzeitigen Gegeneinander und Ineinanderfallen von Innen und Außen, in dem beide verschwinden, bis am Ende die Mechanik bleibt, man weiter tanzt auch ohne Ton. Weiter tanzt auch dieser Abend, bis er willkürlich endet, man einen Song-Refrain („Play it on my radio“) in Endlosschleife singt. Das Ende des Diskurses ist die Wiederholung. Nein, die Bilder sind intakt, die Reflexionsmaschine gut geölt, die Bedeutung fordert weiter ihre Vorherrschaft ein. Die Krise ist ausgeblieben. Oder nicht? Ist nicht alles ein bisschen verschoben, hat sie nicht einen Sprung wie all die Videobilder, die Perspektivverschiebungen (etwa im Rosmair-Video), die Gleichzeitigkeiten von An- und Abwesenheit (der leere und der volle Zuschauerraum, die An- und abwesenden Schauspieler*innen)? Malte Schlösser schickt das Publikum auf eine Tour de Force, die von Überforderung lebt. Da kann – und soll – man nicht immer folgen, taucht das Zuschauer*innen-Hirn mal unter, mal wieder auf, bleibt manches hängen und fließt anderes vorbei. Das ist viel statischer, viel weniger spielerisch, um einiges trockener als bei Pollesch. Auch fehlt in all dem Monologisieren, im oft eher willkürlich wirkenden Aufteilen der Texte, dessen Diskurshaftigkeit, die ja vom Dialog und dessen Unmöglichkeit lebt, hat der Abend eine eher rigide, aufgesetzte Struktur, fahren gerade die Tanzeinlagen in ihrer Plakativität Komplexität und Intensität immer wieder herunter. Und doch ist dieser Versuch, der Scheitern muss, scheitern will, denn auch das ist ein Widerspruch, eine lebensnotwendige Ambivalenz, ein Anschlag auf die Nachvollziehbarkeitsdoktrin, natürlich ein Gewinn. An Bedeutung? Hoffentlich nicht!

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