Coolibri (Interview)

2011, 6.6.

Online-Version:
http://www.coolibri.de/blogs/blogbird/2011/06/06/von-buchner-bis-pollesch-%E2%80%93-vier-tage-theater-beim-megafon-festival/


Interview
Warum habt ihr euch mit eurer Inszenierung beim Megafon-Festival beworben? Gab es einen bestimmten Grund?
Malte Schlösser: Nein. Wir haben von der Ausschreibung gehört und uns wie viele andere beworben. Wir wollen in erster Linie, dass die Leute das sehen. Also Aufmerksamkeit. Auch ökonomische. Wir haben aber auch Spaß an und Lust auf Festivals und das ganze Drumherum. Diskussionen, Interviews und so weiter.
Wie viele Stücke hast du denn bisher inszeniert?
Vier. Bei den letzten beiden habe ich den Text selbst geschrieben. Beim ersten haben wir einen Text von Julia Franck genommen. Beim zweiten Schnipsel von Michel Houellebecq und Albert Camus. Da habe ich die Sätze herausgenommen, die ich für relevant hielt. Heute läuft`s ähnlich. Viel lese ich mir an und führe das dann aus und weiter. Das aktuelle Stück „Kann ich deinen Diskurs mal in den Mund nehmen?“ wird jetzt beim megaFon-Festival zum dritten Mal gezeigt.
Gibt es bei dir Wünsche für eine potentielle Zusammenarbeit?
Natürlich würde ich gerne mal an bestimmten größeren Theatern arbeiten. Es ist dabei aber immer spannend, sich nicht nur auf die Professionalität zu stützen. Von beiden Seiten kann man da viel lernen.
Wie groß ist eure Crew?
Eigentlich sind wir zu siebt, streng zu neunt. Dieses Mal sind wir allerdings ohne Bühnenbildner angereist.
Ihr bekommt alle kein Geld für das, was ihr macht?
Erst einmal nicht wirklich, nein. Das ist ein heikles Thema. Der Glaube daran, weiter zu machen ist gewissermaßen mit einem Versprechen verbunden, das nicht eingelöst wird, weil es davon lebt, dass es sich nicht einlöst.
Kennt ihr Leute, bei denen dieses Versprechen eingelöst wurde?
Kaum. Vielleicht ein Fünftel. So ist das meistens in solchen Berufen. Berlin ist da auch Vorreiter was die Prekarisierung betrifft. Natürlich auch kulturpolitisch.
Auf welchen Werdegang blickst du zurück?
Ich habe Philosophie studiert. Aber auch Soziologie und Religionswissenschaft und bin dann irgendwann ans Theater gekommen.
Aber du hast zusätzlich noch eine therapeutische Ausbildungsrichtung eingeschlagen?
Ja, parallel. Das Studium war mir einfach zu elfenbeinturmmäßig. Die akademische Laufbahn, das System Philosophie zu abgekapselt. Unsinnlich. Da ist die therapeutische Schiene schon eine lebenspraktischere Alternative. Auch finanziell. Es ist sicherlich auch ein gefragter Beruf, weil sich hier leichter Geld verdienen lässt.
Was bedeuten dir Theater und Therapie jeweils?
Theater und Therapie sind für mich symbolische Räume, die letztlich etwas Reales kreieren. Theater mehr gesellschaftlich und Therapie auf einer individuelleren Ebene. Für mich ist auch eine wichtige Frage, wie sich beide ergänzen. Beide sind provokant, intensiv, idealistisch, ungewohnt und sensibel. Man kann mit ihnen morden, seinen Vater (also ungeliebte Traditionen) umbringen. Zwar nur symbolisch, aber es hat dennoch reale Auswirkungen auf das Leben.
Wie bist du dann letztlich zum Theater gekommen?
Über lauter Zufälle. Auch dass ich irgendwann bei Schlingensief gelandet bin. Ich weiß nicht, ob das jetzt so interessant ist.
Unbedingt.
Nach dem Studium bin ich zum Hebbel-Theater gekommen. Dort war eine Assistentenstelle frei. Schon während des Studiums lernt man entsprechende Leute kennen und über die Beziehungen und Leute gelangt man dann recht schnell ans Theater. Nach zwei Produktionen bin ich dann bei Schlingensief gelandet und kam dann zur Volksbühne zu Castorf.
Du warst dann Regie-Assistent bei Christoph Schlingensief und Frank Castorf an der Volksbühne Berlin. Was sagt das über dich aus?
Erst einmal nicht so viel. Vielleicht sagt es etwas darüber aus, wofür ich mich interessiert habe. Also eher passiv. Weniger verrät es aber etwas über aktive Anteile, wie das Können etwa.
Schon der Titel deiner Inszenierung deutet eine gewisse Theorienähe an. Täuscht der Eindruck?
Nein, es ist schon sehr theorielastig und stark geprägt von René Pollesch. Weil er es war, der eine Diskurstheaterform ins Theater eingebracht hat. Er hat etwas Geniales etabliert. Ich denke, dass Theorien häufig eine sehr viel höhere Relevanz besitzen können als meinetwegen ein Shakespeare-Text. Ich schaue viel häufiger noch einmal in einem wissenschaftlichen Buch nach als in einem Roman.
Wie meinst du das?
Theorien setzen wir um in die Lebenspraxis, im alltäglichen, sinnlichen Lebenskampf. Deswegen sage ich: Pollesch muss man kreuzigen, um ihn zu gewinnen. Und das sage ich in hoher Anerkennung. Rein formal bin ich ihm dankbar, weil er es geschafft hat, Theorie ins Theater zu bringen. Und an dem Punkt knüpfe ich an. Was ich vermisse, ist: Für mein Leben muss ich wissen , wie man etwas machen kann. Wie es zum Beispiel aussehen kann, wenn jemand weint. Dabei ist es erst einmal egal, ob das authentisch ist. Ich vermisse bei Pollesch ein Stück weit eine Subjektivierungsmaßnahme, die ich greifen kann. Konkrete Handlungsanweisungen, die natürlich auch falsch sein dürfen. Angebote. Da knüpfe ich dann auch wieder an Schlingensief an. Denn die hat er stark eingebracht. Das sind Vorbilder. Daran arbeite ich mich ab. Hinweise, die es irgendwo gibt, nehme ich auf.
Immer wieder klagen Theaterkritiker über verkopftes Regie-Theater. Zurecht?
Wie gesagt, unsere Lebenspraxis ist sehr geprägt von Theorien. Medien, Bücher. Es gibt sogar eine eigene Bestsellerliste für den Sachbuchbereich. Mit Theorietheater bestätigen wir eine Lebenspraxis, die versucht, sich an Theorien zu orientieren. Es ist viel anstrengender, alte Romantexte zu lesen und auf mein Leben anzuwenden. Wenn man das Gefühl hat, dass eine Inszenierung zu verkopft ist, dann hat das meist nichts mit Theorie, sondern mit der Dramaturgie zu tun.

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